Marco Schwarz online

Der Untergang Roms

Sonntag, 7. Juli 2019

In meinem Beitrag „Warum ging Rom unter“ vom 26.04.2017 hatte ich als Ursache für das Ende des weströmischen Reiches die Völkerwanderung und die innere Zersetzung durch das Christentum angegeben. Nach der Lektüre eines phantastischen Buches möchte ich diese Angaben korrigieren und präzisieren.

Der Untergang des Römischen Weltreichs“ von Peter Heather erschien 2007, gelesen habe ich es in den vergangenen Wochen. Peter Heather ist Professor für mittelalterliche Geschichte am King’s College in London, und so ehrfurchtsvoll wie dieser Titel klingt, so akribisch und detailliert stellt sich der Autor seiner Aufgabe. Er stützt sich ebenso auf historische Quellen wie auf archäologische Funde. Viele seiner Angaben beweist er, andere sind in ihren Folgerungen zumindest naheliegend. Dieses Buch kann ich jedem nur empfehlen, der sich für dieses schwierige, aber wichtige Thema interessiert.

Das kürzestmögliche Resumée lautet: Das Römische Reich ging an den Folgen der Völkerwanderung zugrunde. Das Christentum hatte daran nur minimalen Anteil, im Gegensatz zu den Angaben in meinem älteren Beitrag.

Der Zustand des Reiches im 4. Jahrhundert

Die Verwaltung des riesigen Imperiums hatte eine Aufteilung in Ostrom und Westrom mit jeweils einem Kaiser notwendig gemacht. Das Christentum war zur Staatsreligion geworden, wobei der Staat sich die neue Religion zu Nutze machte, indem die Kaiser nun nicht mehr vergöttlicht, sondern als von Gott berufene Herrscher des Reiches dargestellt wurden. So viel hatte sich nicht geändert, doch ein Römer aus der Zeit der Republik hätte sich angewidert davongestohlen, bevor er vor dem Kaiser im Staub gekrochen wäre, wie es in spätrömischer Zeit gebräuchlich geworden war.

Wirtschaftlich war alles in bester Ordnung, nichts war von Niedergang und Krise zu spüren. Die beträchtlichen Steuereinnahmen finanzierten die Verwaltung und vor allem die Reichsheere, die nach einer Reform nicht mehr in Legionen, sondern eher kohortenweise organisiert waren. Sehr viele Legionäre kamen aus ehemals unterworfenen Völkern, die längst zu römischen Bürgern geworden waren.

Gefahr aus dem Osten

Zwei Probleme stellen sich bei der Grenzsicherung: Germanen und Perser. Die Germanen beherrschten ganz Europa nördlich des Imperiums von der Nordsee bis in die Ukraine. Sie waren noch immer in viele einzelne Völker unterteilt, die sich jedoch weitaus besser organisiert hatten als früher. In Persien war mit dem Sassanidenreich ein ebenbürtiger, ebenfalls wohlorganisierter Gegner entstanden. An der asiatischen Grenze entwickelte sich die Lage unter schmerzlichen Verlusten zu einem Patt, das über lange Zeit große Heeresverbände an diese Grenzregionen fesselte. An der Nordgrenze wuchs der Untergang.

Die Hunnen kommen!

Man stellt sich das falsch vor: Die Hunnen hatten keine riesige Armee, sondern Truppen in der Größenordnung von etwa 10 000 Kriegern. Sie waren perfekte Reiter, jeder mit mehreren Pferden, abgehärtet vom Leben als Nomaden in den asiatischen Steppen und bewaffnet vor allem mit alles durchdringenden Kompositbögen. Niemand weiss, woher sie stammten, welche Sprache sie sprachen und warum sie nach Osteuropa eindrangen. Sicherlich auf der Suche nach Beute.

Die Hunnen allein hätten Rom niemals gefährden können. Aber ihr gewaltsames Erscheinen um 370 bewirkte, dass zwei gotische Völker an der unteren Donau um Einlass ins Imperium baten. Aus Asylanten wurden Eroberer: Mordend und plündernd durchzogen sie den Balkan, vernichteten eine römische Armee und konnten nie mehr aus dem Reich entfernt werden.

Auch Völker wie die Alanen und Sarmaten bewegten sich nach Westen und Süden. Abwehrkämpfe an den Grenzen sind eine Sache, aber in der Folge eroberten die Goten weitere Gebiete und setzen sich zuletzt im Süden Galliens fest. Aus ihnen wurden die Westgoten.

Die Hunnen errichteten ein kurzlebiges Reich in der ungarischen Ebene und unterjochten alle dort ansäßigen Germanenvölker. Sie waren so mächtig, dass sie von Ostrom Tribute kassierten, die immer höher wurden und viel Gold aus dem Imperium nach Norden brachten.

Vorerst verzeichnete auch Rom in den Abwehrkämpfen Erfolge, bei denen sie auch Hunnen als Söldner einsetzen konnten. Es kamen Phasen mit Erfolgen und solche mit Niederlagen, aber festzuhalten ist, dass jedes wohlhabende Gebiet, das dem Imperium entglitt, keine Steuern mehr an die Zentralverwaltung abführte. Das aber verminderte die Möglichkeiten zum Ausheben neuer Truppen.

Das 5. Jahrhundert

Die Hunnen unter ihrem Barbarenherrscher Attila griffen nun Rom selbst in mehreren Feldzügen an. Diese Angriffe konnten abgewehrt werden, auch mit Hilfe gotische Truppen, doch als Attila starb, zerfiel sein Reich, und jedes der zuvor unterjochten Völker bekam Oberwasser. Weitere Gotenvölker, Burgunder, Alanen, Sueben und die berüchtigten Vandalen drangen in Gallien ein, plünderten es aus und zogen weiter nach Spanien. Ganz Spanien wurde unter Vandalen, Sueben und Alanen aufgeteilt und zahlte keine Steuern mehr.

Später gelang eine Rückeroberung durch römische und westgotische Truppen, viele „Migranten“ konnten vernichtet werden, aber den Vandalen gelang es, nach Nordafrika überzusetzen und dem Imperium die reichste, blühendste Provinz zu entreissen, die Provinz um Karthago. Nun entfielen auch diese Steuern und zudem die lebensnötige Getreideversorgung Italiens aus Afrika.

Dies ist eine extrem verkürzte Darstellung der Ereignisse. Und dann kam das Ende.

West- und Ostrom stellten eine gewaltige Streitmacht auf, die nach Nordafrika übersetzen und die Vandalen vertreiben sollte. Doch es misslang, die Vandalen konnten die Flotte entscheidend schwächen, und die Streitmacht löste sich auf. Ostrom hatte sich mit dieser Niederlage auf Jahrzehnte verarmt, und Westrom ging einfach unter.

Weitere Gotenvölker hatten sich unterdessen in Italien eingerichtet und bildeten die Ostgoten. Ihr Herrscher setzen den letzten Kaiser Westroms 478 ab, schickte ihn ins Exil und die kaiserlichen Insignien zurück nach Konstantinopel. Es werde in Westrom kein Imperator mehr gebraucht.

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