Marco Schwarz online

Horst Buchholz ist kein Mörder

Samstag, 17. August 2019

Warum ich nur die alten Krimiserien mag. Gespräch zwischen MS und Nero über alte und neue Krimiserien und den abgebildeten Niedergang

MS: Was hast du gegen Horst Buchholz? Und was stört dich an den alten oder neuen Krimis?

Nero: Lies mal den Titel richtig! Was sollte ich gegen Horst Buchholz haben? In meiner Verzweiflung über das moderne TV-Programm, das nur noch für Idioten und Modernisten gemacht scheint, sehe ich mir mit Begeisterung alte Serien auf DVD an. Und dabei kommen mir gelegentlich sogar Gedanken.

MS: Oh jeh, Gedanken, das tut selten gut.

Nero: Auf jeden Fall kann ich mir das heutige Fernsehprogramm kaum noch ansehen. So viele Sender, und nur Mist. Fast alles Filme aus dem amerikanischen Imperium, dazu unendlich Werbung. Der Fussball zerstört von Kapitalisten und Gutmenschen.

MS: Warum sollte der Fussball zerstört sein? Spielen sie denn nicht besser als jemals zuvor?

Nero: Doch, technisch und taktisch sicherlich. Aber wer will das noch sehen? Alles ist zurechtgelutscht und gleichförmig, jede einzelne Mannschaft ist völlig austauschbar, dazu das irre Geschrei der Reporter und die Sofortbefragungen am Spielfeldrand. Schlimmer als Fussball ist übrigens nur das Gequatsche darüber!

Und egal, ob man Ausländer mag oder nicht, ist es denn erstrebenswert, um jeden Preis von überallher die besten Spieler zu verpflichten? Ich verstehe nicht, wie sich die Fans noch mit ihren Vereinen identifizieren können. Die Mannschaften müssten nur die Trikots tauschen, dann könnten sie sofort weiterspielen und kaum einem würde es auffallen. Dazu die Massen fremdländischer Spieler, afrikanische Söldner überall, Leute aus allen Ländern. Wie soll man das mögen, wenn man Multikulti nicht mag?

MS: Na, wir sehen uns beide längst keine Spiele mehr an und ärgern uns nur, wenn deswegen ein Krimi abgesetzt wird.

Nero: Stimmt. Damit sind wir wieder beim Thema. Ich habe schon den zweiten DVD-Spieler. Den ersten habe ich verheizt, indem ich fast jeden Abend meine eigenen Filme ansehe. Commissario Montalbano, Allein gegen die Mafia und die wunderbare Serie Rom über die Zeit von Caesar und Augustus. Und wenn ich durch bin, fange ich wieder von vorne an.

MS: Denkst du nicht, dass du dadurch langsam verblödest?

Nero: Nicht so schnell wie mit dem TV-Programm! Gegen Abend läuft bei mir immer NTV, jedenfalls so lange, bis sie Pressekonferenzen und Katastrophen live übertragen. Nachdem ich nun viele Monate abwechselnd meine DVDs geschaut habe, entschloss ich mich, etwas Neues dazuzukaufen, die ersten Folgen von Derrick. Ab 1974. Es gibt über 360 Folgen, und ich habe die ersten 60.

MS: Und wie ist dein Eindruck?

Nero: Seltsam. Anfangs dachte ich, das ist alles etwas dümmlich und naiv. Das Dümmste sind die jungen Männer, viele reine Triebviecher, und das Schlimmste sind diese Liebeskasper, die wegen Verlassenwerdens eine Frau umbringen. Da sind mir die Berufsverbrecher schon lieber, und die alten, harten Männer, die gelernt haben, die Ellbogen einzusetzen und das Sentmentale zu Hause zu lassen.

MS: Ja, das verstehe ich. So sehr man sich über die gegenwärtig dargestellten Menschen die Augen reiben mag, die von früher sind auch nicht das Wahre gewesen.

Nero: Bukowski sagte schon, der Mensch hatte nie das Zeug dazu. Aber Derrick schwebt wie ein Halbgott über ihnen. Leicht schwermütig, oft etwas ironisch und immer bestrebt, den Bösen ihre Taten nicht durchgehen zu lassen.

MS: Na, das findet man in heutigen Krimis auch.

Nero: Ja, aber dann ging mir auf, dass ich mich in etwas wie eine Zeitkapsel setze, wenn ich den Film starte. Die ganz alten Folgen kannte ich gar nicht, weil ich zu der Zeit viel mehr gesoffen als ferngesehen habe.

Und dann wird mir plötzlich wieder klar, warum ich nie in dieses verfluchte neue Jahrhundert wollte. Ich wusste es schon anfangs, das konnte nichts Gutes werden. In der Zeitkapsel sehe ich ganz deutlich: Damals war alles noch ganz normal, jedenfalls für alte Knacker wie uns.

MS: Die Gammler und Langhaarigen wurden entweder belächelt oder bemitleidet, manchmal auch beschimpft, aber sonst schien damals alles noch wie immer gewesen zu sein. Keiner hatte jemals von Emanzen, Grünen und diesen irren Gutmenmschen gehört, und keiner hätte sie vermisst. Der ganze Mist mit den 68ern war noch embryonal und kaum erkennbar. Man konnte sich noch über die Alten und Spießer aufregen, ohne dass man die Welt von den Füßen auf den Kopf stellen wollte.

Nero: Genau so ist es. Mir geht das Herz auf, wenn ich die Straßenszenen von damals mit den wunderschönen Autos sehe. Käfer, Ford Taunus, Opel Rekord und Mercedes, ab und zu mal ein Alfa Giulietta. Und endlos BMW, da alles in München spielte.

MS: Alles war noch völlig normal!

Nero: Auch die Arbeitsszenen wirken normal. Man hatte noch echte, handfeste Arbeit. Männer waren Männer, und Frauen waren Frauen. Gute und schlechte gab es zu allen Zeiten, und in jedem Krimi müssen Mörder und Räuber lauern, aber diese Welt von Derricks München aus den 70er Jahren hätte man noch guten Gewissens weiterempfehlen können.

MS: Das verstehe ich gut. Auch ich würde gerne zurückreisen und genau dort weitermachen, ohne jemals mehr an das Jetzt zu denken.

Nero: Ja. Aber nur, wenn ich meinen Hund mitnehmen könnte!

Coco
Neros Coco

MS: Gibt es neben diesen Eindrücken noch weitere Unterschiede zu heute?

Nero: Vor allem, dass der Krimi nicht aus dem Bearbeiten von Mobiltelefonen bestand! Damals ging man noch in eine Telefonzelle, wenn man was zu sagen hatte. Heute gibt es keinen Film, in dem nicht ständig mit diesen Dinger rumhantiert wird, und oft geschieht das Wesentliche damit. Und weiterhin bekomme ich den Eindruck, dass die modernen Handlungen entweder viel zu kompliziert oder wirr sind.

MS: Das liegt vermutlich daran, dass man versucht, immer wieder etwas Neues zu erzählen.

Nero: Ja, sicher. Und doch wiederholt sich alles, denn das Spektrum an menschlichen Motivationen ist nicht breiter geworden. Es gibt einfach nur ein paar wenige Gründe, jemanden umzubringen.

MS: Allerdings werden die Perversionen immer vielfältiger.

Nero: Stimmt. Das kommt daher, dass man heute jede Beklopptheit soll ausleben können, mit ganz weniger Einschränkungen. Und alles wird geduldet und verstanden.

MS: So lange es nicht „rechts“ ist.

Nero: So sieht’s aus.

MS: Derrick lief ja mehr als 25 Jahre lang im ZDF und wurde in Dutzende Länder verkauft. Später konnte man Wiederholungen sehen, wie auch von allen anderen deutschen Krimiserien. Doch dann war plötzlich Schluss mit Derrick.

Nero: Ja, sie hatten rausgefunden, dass der ganz junge Derrick, also sein Darsteller Horst Tappert in der SS war. Und sicher konnten sie ihm nicht verzeihen, dass er sich nicht mit Asche beschmiert, sondern es einfach verschwiegen hat. Man wird niemals wieder eine Wiederholung im deutschen Fernsehen sehen.

MS: Findest du das richtig?

Nero: Ich kann es nachvollziehen. Muss aber zu meiner Schande gestehen, dass es mich nicht stört, wenn ich seine Filme sehe. Mein eigener Vater sollte 1941 mit 17 Jahren zur SS, und nur die Ablehnung seiner Mutter hat ihn davor bewahrt. Stell dir mal einen 17 oder 19jährigen heute vor. Könnte er verstehen, dass das, was er zu tun hat, in naher Zukunft als verbrecherisch verurteilt wird? Hätte das mein Vater oder Derrick wissen können? Hinterher ist man immer schlauer. Aber ich möchte nicht wissen, wie Menschen in der Zukunft über diese irre Gegenwart urteilen werden.

Der Tagesspiegel: „Good-bye, Mr. Gentleman: Horst Tappert ist tot“

Der Tagesspiegel: „Wegen SS-Vergangenheit: ZDF verbannt ‚Derrick'“

Horst Buchholz übrigens spielte in einer Folge einen sehr guten Gitarristen in einer Band, der verdächtig war, eine junge Frau, einen Fan erstochen zu haben. Die ganze Band war völlig heroinzerfressen, und am Schluss stellte sich heraus, dass Horst Buchholz wirklich kein Mörder war. Seine Bandkollegen waren es und hatten ihm die Schuld eingeredet. Ich fand das sehr beruhigend.

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