Bilder aus Klein Moskau

Klein-Moskau war das Viertel, in dem viele der Flüchtlinge in der Nachkriegszeit erst einmal untergebracht wurden. Dort lebten auch wir. Klein-Moskau gab es wirklich, am westlichen Ortseingang von Säckingen. Eigentlich existiert es immer noch, die Strassen, die Häuser, aber es ist nicht mehr das selbe, sehr fremd, zu ordentlich, wie alles zu sehr überarbeitet und getrimmt, und wie überall alles voll mit diesen Scheissautos.

Hier stelle ich einige Fotos aus der alten Zeit vor. Keine Ahnung, ob das erhaltenswert ist.
Bildquellen: Stadtarchiv Bad Säckingen (*sta) & Marco Schwarz privat

Luftbild
Luftbild vor dem Bau, ca. 1950 (*sta)

Luftbild
Luftbild mit Klein Moskau, ca. 1970 (*sta)

Gleich auf dem ersten Bild kann man sehen, wie herrlich frei das Leben damals war. Frei von Menschen, frei von Bebauung. Überall konnte man herumräubern. Und überall gab es schöne Fabriken, in denen morgens die Männer mit Fahrrad und Ledertasche verschwanden. Man konnte dort sein Geld verdienen, statt sich wie heute gegenseitig zu verwalten, zu versorgen, zu pflegen und zu bespitzeln. Paranoia? Vielleicht. Klein Moskau entstand auf den freien Feldern unten in der Mitte.

Auf dem zweiten Bild ist das Stadtviertel soweit fertig. Dahinter eine neue Volksschule und das UFO der Heilig-Kreuz-Kirche. Da konnte man während des Baus wunderbar leere Bierflaschen klauen. Aber sonst?
1/3: Das Haus des Opas mit dem Laden. 2: Der Block

Das Lager im Bau
Das Lager im Bau, ca. 1962 (*sta)

Das Lager ist fertig
Das Lager ist fertig, ca. 1962 (*sta)

Wir waren alle auch Flüchtlinge, aber wir waren Deutsche, die vor dem Russen oder anderen unerfreulichen Zeitgenossen geflohen waren! Unsere Familie lebte schon länger hier, im Haus an der Ecke mit dem kleinen Laden, der dem Opa gehörte. Anfangs hatten die Familien im Lager nur ein Zimmer mit Gemeinschaftsküche und -Klo. Auf dieser Strasse konnten die Jungen Fussball spielen! Manchmal kam ein Auto vorbei; die anderen waren mit den Fahrern auf Arbeit, was für ein Glück in jeder Hinsicht!

Marian im Gras
Marian im Gras, ca. 1960

Marian am Rhein
Marian am Rhein, ordentlich, ca. 1960

Harri und Marian mit der Arabella
Harri und Marian mit der Arabella, ca. 1962

Welch ein Stolz mit diesem schönen Auto. Lloyd Arabella. Manchmal fuhren wir zum Waschen an den Bach beim Bergsee. Wir fuhren aber auch wie alle später jahrelang den Müll aus dem Farbengeschäft zur Müllkippe in den Feldern. Dort glimmte und brannte alles vor sich hin, stank und qualmte. Es störte keinen.

Hustenkur am Feldberg
Hustenkur am Feldberg, 1961

Sonntagsausflüge gab es und schöne Kleider, für alles wurde gesorgt. Nur nicht für die Nerven der Kleinen. Marian bekam schon mit sechs Jahren, lange bevor er die erste Zigarette rauchte, einen chronischen Husten ohne erkennbare Ursache. Deswegen verbrachte er, bevor die Schulzeit begann, sechs Wochen im Luftkurort auf dem Feldberg. Am Tag der Heimkehr lachen alle, aber Marian lacht nicht. Marians Lachen findet in einem Paralleluniversum statt. Dort, wo er auch alle seine Wünsche erfüllen konnte.

Pfingstturnier mit der D-Jugend
Pfingstturnier mit der D-Jugend, ca. 1966

Marian im Trikot der Mannschaft
Marian im Trikot der Mannschaft, ca. 1966

Ein unvergessener Tag! Marian wurde von seinem Vater gezwungen, in die Kirche zu gehen statt rechtzeitig zum Fussballturnier auf den Sportplatz. Der Vater lag in der Zeit im Bett. Als Marian dann endlich abgehetzt beim Turnier ankam, waren die Trikots vergeben, war die Mannschaft schon aufgestellt, Auswechselspieler gab es damals noch nicht, nur Ersatzgeier. Nach drei Spielen hatte er genau ein Spiel gespielt, ohne jeden Erfolg, und sah – neidisch wegen der Ehre – wie Willi als bester Torschütze von einem Mann zehn Mark bekam.
Trotz allem, auch trotz aller widerwärtiger Zuschauerkommentare auf eigenem Platz war Fussball immer das grösste und einzige. Ausser Chef sein, vielleicht noch.

Ford Taunus mit Brüdern
Ford Taunus mit Brüdern, 1966

1966 wurde nicht nur der BVB erster deutscher Europapokalsieger und Deutschland Vizeweltmeister, 1966 bekamen wir auch den phantastischen "Ford Taunus 20M TS Hardtop". Auf dem Bild Marian mit seinen beiden jüngeren Brüdern.

Schemenhaft
Schemenhaft, 1973

Und dann war die Kindheit vorbei. Marian, irgendwie als Ferien-Gammler, auf einem Hügel im englischen Lake District. Sehr schemenhaft und verwackelt, aber immer Marians Lieblingsbild von sich.