Marco Schwarz online

Ich hasse alle Jahreszeiten

Montag, 13. Mai 2019

Gespräch mit Marcus Germanicus Nero zum Thema Jahreszeiten und stetige Veränderung.

MS: Selten so was Beklopptes gehört: „Ich hasse alle Jahreszeiten.“ Man versteht zwar, dass einer den Winter oder den Sommer nicht mag, aber alles?

Nero: Außer am Äquator stehen die Jahreszeiten für stetige Veränderungen. Hat man sich nach langen Wochen endlich an einen Zustand gewöhnt, so ändert er sich wieder. Und das nicht ein oder zwei Mal, sondern immer wieder.

MS: Manche freuen sich darüber, warten sehnlich auf ihre liebste Zeit, für die meisten der Sommer.

Nero: So war ich auch mal, wollte nichts als ewigen Sommer, doch schon im alten Jahrhundert stellte ich fest, dass mir das nicht gut tut. Der Sommer hat so tiefe Schattenseiten, dass ich völlig auf ihn verzichten könnte. Möglich, dass es an einem anderen Ort auf der Welt angenehmer wäre.

MS: Sehr viele Menschen schwärmen von dieser schönen Gegend am Hochrhein. Sie ziehen hierher oder verbringen ihren Urlaub hier. Irren sie alle?

Nero: Das ist auch so ein Punkt, der mir nicht gefällt. Nein, ich denke nicht, dass sie sich irren. Nur ich werde mit der Zeit irre dabei. Ein dauerhaft milder Sommer für immer wäre ja nicht schlecht. Oder für immer ein milder Oktober.

MS: Wäre das nicht langweilig?

Nero: Mir nicht. Endlich bräuchte ich mich nicht mehr anzupassen. Immer die gleichen Kleider, und immer würde es zur selben Zeit dunkel und hell. Überhaupt diese grauenhaft langen Tage im Sommer, morgens schon sehr warm, 12 Stunden unerträgliche Hitze und erst nach 20 Uhr wird es etwas erträglicher, aber man kocht immer noch in eigenen Saft. Wer kann das wünschen?

MS: Manche gehen gerne baden.

Nero: Ich nicht. Das schlimmste aber ist die Hitze im Haus. Jede Bewegung löst einen Schweissausbruch aus. Für einen Faulpelz ist das ideal, er kann rumliegen, fressen und saufen, bis er einschläft. Aber wir, Coco und ich gehen jeden Tag drei Stunden stramm spazieren. Da braucht man das nicht.

Coco und Nero
Spaziergang durchs Dorf, Coco ganz jung

MS: Den Sommer magst du also nicht.

Nero: Nein. Neben die Hitze tritt noch die Trockenheit, und das schlimmste in dieser Zeit ist, dass es alle nach draußen treibt. Überall sind welche! Mit Fahrrädern, beim Baden am Rhein, und dazu abends das unerträgliche Geschrei, weil jeder meint, den anderen mitteilen zu müssen, dass er laut und also glücklich ist. Tiefpunkt jedes Sommers ist dann der 1. August, wenn die Schweizer sich und uns tagelang mit Böllern und Feuerwerk einheizen, um zu zeigen, wie glücklich sie darüber sind, dass sie damals das Reich verlassen haben.

MS: Hasst du die Menschen?

Nero: Ich zitiere Charles Bukowski: ‚Nein, aber ich fühle mich besser, wenn keine da sind!‘ In der TV-Serie Roma sagt ein Senator mitten im Geschrei zum anderen: ‚Welchen Lärm der Pöbel macht, wenn er sich freut!‘

MS: Das klingt nicht sehr demokratisch.

Nero: Nein, aber es trifft zu.

MS: Und was hältst du vom Winter?

Nero: Den Winter habe ich immer gehasst. Ich mag kein Eis, keinen Schnee und keine Feiertage. Von allem keinen Vollidioten-Silvester! Der Hund dreht tagelang völlig durch von dem Geknalle. Er, sein Vorgänger und ich haben schon halbe Nächte im Wald im Auto verbracht. Aber in letzter Zeit finde ich, dass der Winter noch das erträglichste ist. Die Wohnung schön konstant beheizt bei 22 Grad, und draußen so kalt, dass man es wunderbar im Parka aushält. Alle Wege schön verlassen, der Hund kann rumtoben, die Luft ist gut und es ist schön lange dunkel.

MS: Wieso dunkel? Alle Menschen freuen sich doch, wenn es hell ist.

Nero: Nicht alle. Das schlimmste von allem, und zwar jederzeit, ist die Bestrahlung durch die Sonne. Sie wärmt und sie blendet. Ich wünsche nicht, bestrahlt zu werden! Das mag ich nicht. Man kommt dann beim schnellen Gehen sofort schon wieder ins Schwitzen und läuft sich den Wolf. Es gibt nichts schöneres als Wolken und Nebel. Sie sind wie eine schützende Decke. Sie mildern Hitze und Kälte. Die schlimmste Hitze und Kälte hat man bei klarem, blauem Himmel. Die Lösung wäre also: bewölkt, windstill, nicht über 15 Grad. Morgens um 6 Uhr wird es hell, abends um 18 Uhr wieder dunkel. Mein Traum wäre also „Nebelland, Wolkenland“, gerne mit etwas Regen, nicht zu viel, und alles noch am Meer, irgendwo, wo nichts ist, das andere anlocken könnte.

MS: Und wie sieht es mit dem Frühling aus? Jeder ist glücklich, wenn nach Monaten der Kälte die Wärme zunimmt und alles blüht und sprießt.

Nero: Nein, nicht jeder. Ich mag die extreme Kälte ja auch nicht. Aber am Ende des Winters habe ich mich dann endlich daran gewöhnt. Doch was geschieht? Nun wird es wieder warm, man muss schwitzen, hat immer das Falsche angezogen. Und dazu die Natur: alles blüht und stinkt und geilt. Krankhafte Optimisten sehen die schönen Blüten und das zarte Grün überall. Ich sehe, wie Zecken über meinen Hund herfallen, die ich mit Gift abwehren muss. Fliegen versuchen, in unsere Wohnung einzudringen. Und überall rennen Leute rum, die man den ganzen Winter nicht sehen musste.

MS: Der Frühling ist also auch nicht dein Ding?

Nero: Nein, bestimmt nicht. Das ist die schlimmste Jahreszeit. Man wird ja auch nicht im Winter krank, sondern immer in diesen Wechselzeiten. Und dazu der Horror, dass man immer denken muss: Jetzt kommt die Hitze, die Hölle eines weiteren Hitzesommers.

MS: Bliebe noch der Herbst, aber ich traue mich kaum zu fragen…

Nero: Kein Problem, ich erzähle ja gerne. Der Herbst ist noch das erträglichste. Erst lässt im August die Hitze nach, abends wird es endlich wieder kühl. Es kühlt weiter ab, wird völlig erträglich. Aber Probleme kommen bald: Letztes Jahr war es lange warm, aber mit einem satanisch kalten Ostwind, über Wochen. Was sollte man anziehen? Schwitzen oder frieren? Ich entschied mich fürs Frieren und bekam eine Nebenhöhlenentzündung, bei der mir der Eiter aus der Nase tropfte. Nach einer Zeit mit sehr schönen Farben und etwas Sonne wird es dann immer kälter, der Winter kündigt sich an und die ganze Scheisse beginnt von vorn.

MS: Das klingt alles fast, als hättest du schwere Depressionen?

Nero: Ich denke, jeder Mensch mit einer gewissen Intelligenz empfindet in unserer Gegenwart eine Art Grunddepression. Es kann gar nicht anders sein. Das Wetter könnte man ja noch irgendwie ertragen, aber all das andere, der Abschied von Göttern und Sinn, die Massenverblödung, die weltweiten Katastrophen, die Afterkultur. Aber daneben eigentlich nicht. Nein. Depressive würden nicht so aktiv leben wie ich.

MS: Was also ist es dann?

Nero: Es gab mal ein Märchen über eine Prinzessin. Sie war jeden Tag unglücklich, weil immer irgendwas so war, wie es nicht sein sollte.

MS: Aber man sollte sich doch an die Gegebenheiten anpassen können.

Nero: Das kann man auch, aber die Laune spielt nicht mit. Statt Freude sind das alles nur aberwitzige Zumutungen, denen man täglich ausgesetzt ist. Ein Problem endet, und ein neues fängt an. Wenn man sich nur einreden könnte, dass das alles einen tieferen Sinn hat, wie etwa: „Jedes Problem ist eine Hilfe, denn es dient dazu, sich zu verbessern und zu lernen.“ Doch wozu nur. Bukowski schrieb: „Nichts wird von uns bleiben als sinnlos blutende Löcher in der Nacht.“

MS: Ich fürchte, dir ist nicht zu helfen.

Nero: Ja, davon gehe ich auch aus. Es gibt aber auch einige schöne Tage. Wenn wir morgens um halb Sieben losgehen, der Hund nicht gleich wegen Feinden ausflippt und es schön kühl und neblig ist. Ich stecke in der Parkakutte mit Kapuze und Innenfutter, wir gehen aus dem Dorf, hinaus in die Felder und treffen niemanden. Der Nebel liegt nur einige Meter über den Wiesen, etwas Licht beleuchtet ihn von der Seite, und die Luft ist feucht und klar. Dann ist die Welt für eine Weile noch in Ordnung.

PS 11.11.2019: Der Herbst ist auch der letzte Dreck. Die Kälte zerfrisst einen dieses Jahr.

Zurück