Marco Schwarz online

Von Würmern und Menschen

Donnerstag, 30. Mai 2019

Gespräch zwischen MS und Nero über entwicklungsgeschichtliche, religiöse und gesellschaftliche Zusammenhänge

MS: Von Würmern und Menschen. Was treibt dich zu den Würmern?

Nero: Mir ist etwas Erschreckendes klar geworden, das auch viel des weltweiten Irrsinns erklären würde, dem scheinbar alle Menschen wie Tiere ausgesetzt sind.

Ist dir schon mal aufgefallen, welcher abgründige Widerspruch besteht zwischen Ereignissen wie Mord, Totschlag und Ausbeutung, ganz allgemein dem täglichen Wahnsinn und den hehren Idealen der Weltreligionen? Fragst du dich nicht auch, wie jemand mit solchen Idealen, also wir alle, sich so bestialisch aufführen und die Welt in eine Hölle verwandeln kann, von der Tano Cariddi sagt: „Diese Welt ist die Hölle. Eine andere existiert nicht!“

MS: Der Fehler scheint im Menschen selbst zu liegen. Andererseits war die Welt der Tiere ohne Menschen nur scheinbar ein Paradies. Sie war immer eine Hölle, in der es um jagen, fressen und Opfer sein geht.

Nero: Man weiss nicht, ob ein Gott diese Welt nach einem Plan erschaffen hat oder ob alles zufällig entstanden ist. Aber schon die Grundlagen des Lebens scheinen jeder Güte und Schönheit zu widersprechen. Wie schön und gut scheint eine Gazelle. Doch wie schön ist sie, wenn der Löwe mit ihr fertig ist? Was spricht dagegen, dass ein Mann furzt und stinkt, seinem Gegner das Genick bricht und dessen Frau vergewaltigt?

MS: Allein unsere Kultur. Man meint, dass es im Menschen eine Art natürlichen emotionalen Widerstand gegen Gewalttaten gäbe, aber das könnte rein kulturell bedingt sein. Und wirkt auch nur, solange die schlafende Bestie nicht geweckt wird. Man denke nur an den Bürgerkrieg in Jugoslawien.

Nero: Aus den Bergen von Büchern, die ich die letzten Jahre gelesen habe, gehen mir zwei Bemerkungen durch den Kopf, die ich aber keinem Buch mehr zuordnen kann:
1. „Wenn die Pferde Götter hätten, wie würden sie aussehen?“
2. Irgendwo las ich, dass das wirklich Elementare eines Menschen oder Tieres weder sein Hirn noch sein Herz sind. Es ist sein Darm!

MS: Du meinst das mit dem Darm-Gehirn, das man meist als Bauchgefühl versteht?

Nero: Ja. Es gibt einen interessanten Link dazu: Das unterschätzte Darm-Hirn. Dort heisst es:
„Der Darm ist das einzige autonome Organ in unserem Körper. Er steht zwar durch eine Nervenverbindung in direktem Kontakt zum Gehirn – funktioniert aber komplett selbständig, sagt Biologe Professor Michael Schemann, Mitautor des Buchs ‚Darm an Hirn‘.“

Alles tierische Leben auf der Erde soll sich aus frühen Zellen oder aus Zellverbänden entwickelt haben. Lange vor den Sauriern, den Reptilien und den Fischen, auch vor den Skorpionen und Insekten gab es den Wurm. Der Wurm ist eine Röhre aus Muskelmasse mit einem Eingang und einem Ausgang. Mit Hilfe seiner Muskeln kann er sich zu etwas Essbarem bewegen. Er vertilgt es, verdaut es und scheidet die Reste wieder aus. Ich weiss nicht, ob er dafür separate Organe hat, wohl eher nicht. Daneben pflanzt er sich fort, auf dass viele Würmer gleich ihm die Erde besiedeln mögen.

MS: Warum interessieren dich die Würmer?

Nero: Wenn wir annehmen, dass der Darm das zentrale Organ des Menschen und aller Tiere sei, dass er über eine Art eigenes Gehirn verfügt, das Nervengeflecht in ihm, dass teilweise unabhängig vom Gehirn arbeitet, dann ergibt sich mir ein erschreckender Schluß.

Stell dir doch mal vor: Am Anfang war der Wurm. Er hatte Hunderte von Millionen Jahren Zeit für das, was sie Evolution nennen. Der am besten an die Umwelt angepasst ist, überlebt und pflanzt sich fort. Hunderte von Millionen Jahren. Zuerst wird er vielleicht dicker und größer. Später wachsen ihm kleine Organe wie Magen, Leber und Nieren, ein Herz mit dem Blukreislauf. Weil ihn das stärker macht, weil ihm diese Organe einen Überlebensvorteil bringen und er sich so gegen die alten Würmer ohne Organe durchsetzen kann. Irgendwann entsteht ein winziges Wurmhirn, das die Organe steuert. Es wird vom Darm ausgelagert, stammt aber von dessen Nervenzellen.

Und dann findet der Wurm oder das neue Tier heraus, dass es von Vorteil wäre, wenn es sich besser zum Essbaren hinbewegen könnte. Es lässt sich vier Beine wachsen. Die Sinnesorgane entstehen, das Hirn muss wachsen, um alle neuen Funktionen weiterhin zu steuern. Um es kurz zu machen, zuletzt werden aus den Vorderbeinen Arme mit Händen, und seit einer Weile haben wir Geld, kaufen unser Essen im Supermarkt und kochen es.

MS: Wie du das schilderst, klingt es ziemlich grauenhaft!

Nero: Stimmt. Doch eigentlich ändert sich gar nichts. Wir sind, was wir sind. Gott kann sein, wie er ist. Oder die Götter. Aber dieses neue Bild verändert uns. Stimmt mein Bild, so sind wir alle, jeder von uns, im Innersten ein Wurm. Kein strahlender Held und kein selbstvergessener Weltenretter. Das ist alles nur hilfreiches Beiwerk.

MS: Das würde bedeuten, dass wir uns freuen sollten, welch wunderbare, mächtige Wesen aus einem ehemaligen Wurm entstehen konnten. Das Wunder des Lebens wird dadurch nicht vermindert.

Nero: Ja, so ist es. Es sind aber auch deprimierende Aussichten. Wenn die Pferde Götter hätten, dann sähen sie sicher aus wie Pferde, edle, große, starke Pferde, vielleicht mit „überpferdischen“ Fähigkeiten, aber immer noch Pferde. Denn auch der Gott der Pferde hätte sie sicher nach seinem Bild geschaffen.

MS: Was haben nun die Pferde mit dem Würmern zu tun?

Nero: Wenn der Kern des tierischen Seins der Wurm ist, dann könnte der Gott der Würmer ebenfalls ein Wurm sein, sicherlich ein gigantischer, „überwürmischer“, aber immer noch ein Wurm. Das erinnert mich an diesen eindrucksvollen SF-Film „Species“, in dem irdische mit einer ausserirdischen DNS gekreuzt wird. Daraus entsteht ein wunderhübsches Mädchen, dass entflieht, zu einer übermächtigen Frau wird und sich am Ende in ein kraakenartiges Monster verwandelt.

MS: Grausam und bedrückend.

Nero: Ja. Aber erklärt das nicht viel unserer Wirklichkeit? Ehemalige Würmer erfinden Religionen, in denen es um Rücksicht und Nächstenliebe geht, um Schonung der Feinde, Sauberkeit und Ehrlichkeit. Alles, was über das „würmische Fressen“ hinausgeht, ist ein kultureller Gewinn, eine Steigerung, eine Verbesserung. Doch warum eigentlich? Kann es sein, dass selbst die Religionen nur der Evolution dienen? Bei der Fülle an Menschen, die die Erde verheeren, kann es evolutionär von Vorteil sein, gut und nächstenliebend zu sein. Kurzfristig gewinnen die Bösen, aber in fast jeder Kultur besteht das Ziel, die Bösen einzusperren oder zu vernichten. Der Gute aber füllt weiterhin seinen Magen.

MS: Das würde erklären, warum die Religionen so erfolgreich sind. Selbst wenn eine untergeht, entsteht sofort eine neue, und sei es nur der Sozialismus oder der wirre Glaube an die Rettung der Erde durch Menschen.

Nero: Für mich erklärt der Ansatz unserer Abstammung von Würmern aber immerhin, warum sich so viele Menschen wie Bestien verhalten. Es liegt einfach in ihrer Natur. Das mag traurig sein.

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