Marco Schwarz online

Warum ging Rom unter?

Mittwoch, 26. April 2017

Über diese Frage haben schon viele nachgedacht und geschrieben. Letztlich lassen sich zwei Faktoren ausmachen: Der Druck von außen und die innere Zersetzung. Der Druck von außen ist leicht zu verstehen, bei der inneren Schwäche wird es komplizierter.

Rom breitete sich aus vom verstunkenen Malariadorf am Tiber zum mächtigsten Reich der bekannten antiken Welt. Was mit ihm in Berührung kam, wurde einverleibt oder aufgerieben. Um das Jahr 100 reichte das Imperium von Schottland bis ans Partherreich am Euphrat, vom Rhein bis Nordafrika und Ägypten. Im Imperium galt die „Pax Romana“, der römische Frieden. Grundlage des Zusammenlebens war das römische Recht. Alle freien Bewohner zahlten Steuern, mit denen die Legionen, das Bauwesen und die Verwaltung finanziert wurden. Sklaven hatte keine Rechte. Viele waren Kriegsgefangene aus eroberten Ländern.

Im Reich herrschte Religionsfreiheit. Nicht Freiheit von Religion, aber Freiheit anzubeten, wen man wollte, wobei die Anerkennung der römischen Götter und der vergöttlichten Herrscher dazu gehörte. Christenverfolgungen beispielsweise gab es nicht, weil man deren Gott nicht mochte, sondern weil sich die Christen in ihrem Missionseifer anmaßten, andere Götter schlecht zu machen.

Das hätte eigentlich immer so weitergehen können, und wenn mir auch nicht jedes Details zusagt, muss ich sagen, ich hätte gern im Imperium gelebt.

Rom hielt sich etwa 1000 Jahre lang von den Anfängen bis ins 5. Jahrhundert, als der weströmische Teil zerfiel. Als „Weltmacht“ hielt sich Rom mindestens seit dem 2. Punischen Krieg (200 v.Chr.) bis nach 400, also 600 lange Jahre. Ostrom wurde zu einem christliches Reich, das sich noch weitere 1000 Jahre bis zur Eroberung durch die Türken halten konnte, aber das ist eine andere Geschichte.

Was nun führte zum Untergang? Am erfolgreichen System kann es nicht gelegen haben. Es drängen sich zwei Veränderungen auf, von denen eine nicht zu vermeiden war. An der Nordgrenze waren die Germanen nicht unter Kontrolle zu bringen, und ausgelöst durch Klimaverschlechterungen nahm der Druck viele germanische Stämme aus Osteuropa zu. Alle wollten ins gelobte Land und sich dort niederlassen und Früchte geniessen, die sie nicht gepflanzt hatten. Eine Völkerwanderung kam in Gang. Dahinter wüteten die Horden der Hunnen, die die germanischen Völker vor sich hertrieben. Im Inneren hatte das Christentum die Mentalität der Römer zersetzt.

Druck von außen

Rom war es nicht gelungen, die germanischen Völker rechts des Rheins zu unterwerfen. Nachdem auch der Limes aufgegeben werden musste, bildete für lange Zeit der Rhein die Grenze. Links des Rheins blühte die Zivilisation, den Germanen rechts ging es „nicht schlecht“. Aber da sie gerne kämpften, plünderten und eroberten, kam es zu vielen kleineren Beutezügen bis hin zu groß angelegten Invasionen, die allerdings immer wieder zurückgeworfen werden konnten. Verständlich, denn die Verlockung war zu groß: Man wollte nicht unter die römische Knute, sondern frei sein, aber die schönen Dinge hätte man schon gerne gehabt.

Rom hatte mit seinen phantastisch organisierten und ausgebildeten Legionen das Imperium erobert und gehalten. Doch nun schienen die Leute auszugehen. Schon immer hatte man sich Hilfstruppen der eroberten Völker bedient, hatte syrische Bogenschützen wie germanische Reiterei verpflichtet. In der Spätzeit bestanden die Truppen zu großen Teilen aus Einheimischen, und wo sollten auch so viele „echte Römer“ herkommen, um diese riesige Grenze zu schützen?

Im 5. Jahrhundert, bevor alles zusammenbrach, wäre der beste Schachzug sicher gewesen zu erreichen, dass sich Franken und Alamannen nicht gegen Gallien und Rom, sondern gegen die von Osten Heranrückenden wenden. Letztlich hätte es heissen müssen: „Alles gegen die Hunnen!“ Auch um den Preis, Franken und Alamannen zu gleichberechtigten Brudervölkern zu erheben.

Hätte, wäre, würde. Man kann die Geschichte zwar nachträglich fälschen, aber nicht ändern. Es hätte eines Mannes vom Format Julius Caesars bedurft, den Untergang abzuwenden. Goldbeladene Delgationen hätten Germanen und nachrückende Völker auf ihre Seite ziehen müssen, um in einer Entscheidungsschlacht die Hunnen zu vernichten. Dann wäre Ruhe und genug Platz gewesen, und das römische Wesen hätte sich weit nach Osten ausbreiten können. Vielleicht.

Am sich verschlimmernden Klima allerdings änderte das nichts. Trotzdem hätte man eindringende Fremde mit vereinter Stärke zurückschlagen und vernichten können, wie es jahrhundertelang geschehen war. Der alte Römer hatte da zu Recht wenig Skrupel.

Innere Schwäche

Vermutlich wäre das aber gar nicht mehr möglich gewesen, denn etwas wie der „Spiritus romanus“, der römische Geist, scheint abhanden gekommen zu sein. In der Blütezeit sagte „der“ Römer: „Wo ich bin ist Rom!“ In der Endzeit hörte man viele von ihnen beten und um das Seelenheil winseln. Meiner unbedeutenden Ansicht nach hat der christliche Glaube Rom das Genick gebrochen. Das mag vordergründig den freuen, der sich nach Nächstenliebe und Menschenrechten sehnt, aber es fragt sich, wie es die neuen Herren, die sich auf den Ruinen einrichteten, mit diesen Rechten hielten.

Man hätte den christlichen Glauben so weit anerkennen sollen wie den Glauben an Isis, Mithras oder Sol invictus. Man hätte ihm das gleiche Recht einräumen sollen und nichts mehr. Und man hätte rechtzeitig erkennen müssen, welche vernichtende Boshaftigkeit in diesen Religionen steckt, die nur einen Gott als existent anerkennen. Man hätte diesen Volltrottel Konstantin „den Großen“ rechtzeitig fortjagen oder abstechen sollen, denn er wurde letztlich zum Zerstörer des Reiches, gemeinsam mit Theodosius I., der das Christentum zur verpflichtenden Staatsreligion machte.

Möglicherweise gibt es aber Einschnitte, nach denen frühere Lösungen nicht mehr wirken, ja, nach denen sie deplatziert und unzeitgemäß sind. Kaiser Julian (Flavius Claudius Iulianus), der letzte strahlende Held der Antike, hat es versucht. Ein letztes Mal kämpfte er als Caesar (Unterkaiser) um 355 mit mächtigen Heeren aus Römern, Galliern und Germanen die linksrheinischen Gebiete frei. Als er 361 Kaiser wurde, versuchte er, das Christentum zurückzudrängen und das Imperium zu seinen alten Göttern zurückzuführen, doch bereits 363 kam er während eines Persienfeldzuges ums Leben. Nun konnte munter untergegangen werden.

Damit war alles erledigt, was das alte große Rom ausmachte. Man merkte es nur nicht sofort. Früher wurde aus jeder Familie ein Sohn Legionär, nun wurde man Pfaffe oder Mönch. Früher wurden ein paar Christen verfolgt, bald brannten die „heidnischen“ Tempeln und in ihnen deren Gläubige. In ganz Gallien soll es keinen Tempel gegeben haben, der die Plünderungen der Christen unbeschadet überstanden hätte. Früher galt das Streben aller Höhergestellten dem Interesse Roms, nun war nur noch notwendig, die Seele geordnet ins Jenseits zu befördern. Wozu noch Fernstraßen instand halten, wozu Festungen erneuern und Eindringlinge abwehren?

Das mag alles philosophisch und kulturhistorisch erklärbar sein, doch so hält man aus eigener Kraft keinen Hunnensturm auf. So geht man unter. Und zieht die letzten Tapferen, die sich noch wehren wollen, mit sich in den Abgrund.

Lehren für die Gegenwart?

Können wir daraus für unsere Gegenwart noch etwas lernen? Zumindest scheinen Religion und Glaube kein gesunder Untergrund für Politik zu sein. Religion gründet im Wünschenswerten, während Politik Durchsetzung von Interessen angesichts mächtiger Gegner ist. Man sollte sich da nicht von Idealisten irre machen lassen.

PS 07.07.2019:
Korrekturen meiner Einschätzungen zu den Gründen für den Untergang des Römischen Reiches finden sich in einem neueren Beitrag:
Der Untergang Roms.

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